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Wie der Kreisel die Musik erlernte.1 1© Auszüge aus "Lexikon der deutschen Blechspielzeug-Industrie" 2© Michael Schönhoff aus den Firmenchroniken mit Genehmigung der Lorenz Bolz GmbH LINK Kreisel gehören zu den ältesten
Spielzeugen der Menschheit. Ihr Prinzip ist einfach: Einmal in Schwung
gebracht, ziehen sie unterhaltsam ihre Bahnen und drehen sie sich zum Vergnügen
ihrer großen und kleinen Bewunderer. Auf ihrem Weg durch die Geschichte haben
die Kreisel Spuren hinterlassen und Sammler auf der gesamten Erde sind auf der
Suche nach besonders alten Exemplaren der manchmal sogar fossilen Spielzeuge.
Im Laufe ihrer Entwicklung veränderten sich Aussehen und Bauweise, so dass es
Tausende von Variationen gibt; vollständig wird eine solche Sammlung deshalb
nie. Dort hatte der damals führende
Elektrotechniker Siegmund Schuckert nach Studienjahren in den USA begonnen,
sich eine kleine Existenz mit einer Reparatur-Werkstatt für amerikanische
Singer-Nähmaschinen aufzubauen. Als Schuckert seinen Betrieb erweiterte
(inzwischen hatte er den Dynamo erfunden und das erste Wärmekraftwerk für
seinen König realisiert) verließ Wilhelm Simon die Fabrik, um sich selbständig
zu machen. Und am 1. Februar 1879 erfolgte der Eintrag ins Nürnberger
Handelsregister: Anfertigung von kleinen Metallwaren für die
Spielwaren-Industrie. Wilhelm Simon hatte sich bereits als
Zulieferer in der aufblühenden Nürnberger Blechspielzeug-Industrie einen Namen
gemacht. Durch seine unmittelbaren Kundenkontakte bekam er auch einen Blick
hinter die Kulissen der Hausindustriellen, die ihm von ihren Sorgen und Nöten
mit den gängigen Arbeitsgeräten erzählten. Seine Reaktion auf diese Gespräche
war die Anfertigung von speziellem Werkzeug und Maschinen speziell für den
Bedarf einzelner Betriebe - so wie sie jeder Kleinunternehmer benötigte. Schon vor Jahrhunderten gaben die
Kreisel Töne von sich: Sie brummten oder ließen Pfeiftöne in unterschiedlichen
Höhen ertönen. Nur eines konnten sie in ihrer Evolution erst ziemlich spät:
Beim Drehen auf der Stelle zusammenhängende Melodien erklingen lassen. Erst die
industrielle Verwendung von Blech machte eine solche "musikalische"
Fortentwicklung möglich. Erfinder dieser erstaunlichen Entdeckung war Wilhelm
Simon. Geboren am 25. September 1853 in Saarbrücken, verschlug es ihn auf der
Suche nach Arbeit in die Spielzeug-Metropole. Nur knapp einen Monat nach
Veröffentlichung dieser Patentschrift war schon der nächste Schritt in die
Zukunft des Kreisels getan. Dieses Mal kam die Neuerung aus England von einem
Mann namens Marshall Arthur Wier in London mit dem Titel "Neuerungen an
Kreiseln mit Vorrichtungen zur Hervorbringung von Tönen" (11. März 1879).
Ihm war es gelungen, zumindest auf dem Papier, Kinder durch musikalische Töne
und Arien zu unterhalten: "Die Kreisel sind aus passendem Material so
hergestellt, dass, sobald sie ... in Umdrehungen versetzt oder ... zum
schnellen Rotieren gebracht werden, Töne hervorgerufen werden, welche nach
Belieben abgeändert, sowie auch Arien, Lieder etc. gespielt werden können. Der junge Firmengründer setzte dabei
auf eine Idee, die er schon Monate vor dem Schritt in die Selbständigkeit zur
Registrierung eingereicht hatte. Es dauerte einige Wochen und nach intensiver
Prüfung kam am 18. Februar 1879 endlich die langersehnte Nachricht: Wilhelm
Simon erhielt vom Kaiserlichen Patentamt die Mitteilung, dass sein Antrag auf
ein Patent unter der Überschrift "Kreisel mit Vorrichtung zur Erzeugung
musikalischer Töne" genehmigt worden war. Doch zurück zum Musikkreisel.
Wilhelm Simon beschrieb seine damalige Erfindung in der Patentschrift ziemlich
unkompliziert: "Durch die schnelle Rotation des Kreisels wird die in
demselben befindliche Luft durch ... Flügel aus starkem Weißblech zu den oberen
Löchern herausgeschleudert und durch die von unten einströmende ersetzt.
Infolge hiervon entsteht eine anhaltende Luftströmung..., welche, da dieselbe
an den Zungen vorbeigehen muss, solche in Schwingung versetzt, wodurch der
Kreisel während seiner Rotation einen anfangs starken, dann allmählich immer
schwächer werdenden singenden Ton von sich gibt..." Diese Anordnung ließ sich nach
Belieben ausbauen. Simon: "Die äußeren Wände des Kreisels sind aus Messing
gedrückt, das innere Gehäuse aus Zink. Die Anzahl der Löcher als auch der
Flügel und Zungen ist beliebig..." Auch den Aufzug erläuterte das
Dokument: "Zur Benutzung dieses Kreisels wird eine Schnur in der Mitte an
den... angebrachten Stiften festgehakt und von links nach rechts um besagtes
Rohr gewickelt" dann wird zwischen die Mittelfinger jeder Hand ein Griff
eingelegt, wobei man mit beiden Zeigefingern den Kreisel leicht hält; hierauf
setzt ein scharfer Zug mit beiden Händen zugleich den Kreisel in
Bewegung." Der Vorläufer des späteren Choralkreisels ist damit aus der
Taufe gehoben. Dieser unmittelbare Begegnung mit
der Kundschaft brachte den Kleinbetrieb von Wilhelm Simon voran. Wegen
Platzmangel musste er 1882 in neue Räume umziehen, wo er Zubehör für
Blechwaren, später auch Ziehen und Pressen produzierte. Die Firma wuchs, ein
Partner wurde aufgenommen, bis 1922 Wilhelm Simon sich aus dem aktiven Geschäft
zurückzog. Später erlangte die Firma Weltruf und belieferte Firmen in alle
Länder der Erde mit Spezialmaschinen für verschiedene Industriezweige. Für die Hersteller von Kreiseln
öffneten sich damit ungeahnte Möglichkeiten. Es war die große Zeit der Tüftler
und Bastler, die nach diesen beiden grundlegenden Erfindungen jede mögliche
Variante ausprobierten und auf den Markt brachten. Selbst die große
Blechspielwarenfabrik von Max Dannhorn brillierte Anfang der 1880er Jahre mit
mehreren Kreisel-Patenten. Den vorläufigen Gipfel an Kreativität erreichte ein
George Cole aus London mit einem Patent, der den Musikkreisel zum Bewegen
mechanischer Figuren und anderer Spielzeuge verwendete. - Das Kreiselgeschäft
boomte. Nürnberg und Umgebung hatten endlich eine Innovation, mit der sie die
ganze Bandbreite des frühkindlichen Spielens ausfüllen konnten. Das Handicap
war das Auslösen der Drehbewegung, die nur per Schnur erfolgen konnte.
Angeblich. Die dreisten Lügen des Peter Bolz:
Denn der Drillantrieb für den Kreisel ist eine Erfindung von Georg Fischer aus
Nürnberg aus dem Jahr 1880 Legenden entstehen manchmal
ungewollt; oft verselbständigt sich Werbung oder es werden Fakten in die Welt
gesetzt, die völlig aus der Luft gegriffen sind. Ein schönes Beispiel ist
das um 1930 entstandene Gerücht über die Firma Margarete Steiff, das
behauptete, eine Hochzeitstafel beim US-Präsidenten Roosevelt sei mit
Steiff-Teddybären geschmückt gewesen. Völliger Quatsch, wie sich herausstellte;
es war ein Werbegag des damaligen Werbechefs von Steiff. Ähnliches passierte,
wenn man es wohlwollend betrachten würde, beim Kreisel-Hersteller Lorenz Bolz
in Zirndorf, nachdem sein Sohn Peter 1907 nach dem Tod des Vaters Chef der
Fabrik wurde. Peter Bolz nahm es mit der Wahrheit nicht so genau. Er wurde zum
Prahlhans, Wichtigtuer und Aufschneider, wenn es um den Verdienst seiner Firma
in Sachen Kreisel-Entwicklung ging. In seinen Jubiläumsschriften und in
diversen Artikeln nahm der Kreisel-Hersteller aus Zirndorf bis heute für sich
in Anspruch, die sogenannte Drillstange als Kreisel-Antrieb erfunden und 1913
ein entsprechendes Patent dafür erhalten zu haben. Trotz intensiver Recherche
war es mir nicht gelungen, dafür einen aktenkundigen Beweis zu finden - weder
als DRP noch als DRGM. Denn diese epochale Erfindung ist ein Meilenstein in der
Geschichte des Kreisels und hätte irgendwo registriert sein müssen. Der
Zufall kam mir zu Hilfe. Über einen Hinweis in einer Schweizer Patentschrift
landete ich schließlich bei den Unterlagen aus dem Kaiserlichen Patentamt in
Berlin. Dort hatte der Fabrikant Georg Fischer aus Nürnberg unter DRP 13 298
das Patent für eine "Vorrichtung, um Kreisel in rotierende Bewegung zu
setzen" registrieren lassen. Nicht nur die Überschrift des Patentes
sondern auch die beigefügte technische Zeichnung sind eindeutig: Was immer
Peter Bolz 1913 erfunden haben mag, es war auf jeden Fall nicht die Drillstange
für den Spielzeug-Kreisel. Das Unternehmen Bolz ist heute nicht
mehr in Familienbesitz. Es wurde vom tschechischen Spielwaren-Hersteller
"SIMM" übernommen. In dessen firmeneigenen Internet-Auftritt wird auf
die Historie der Firma Bolz eingegangen. Dort werden die alten und nun auch
neue Behauptungen von Gernegroß Peter Bolz weiter gepflegt: So hat er laut
Firmentext auch "den berühmten Musikkreisel erfunden"... Und
weiter: "1937 gelingt es, einem Kreisel eine Scala von bis zu 20 Tönen zu
entlocken - die Geburtsstunde des Choralkreisels". Doch das alles war eigentlich einige
Jahrzehnte früher passiert: Schon im Bing-Katalog von 1901 werden Musik- und
Choralkreisel in verschiedenen Ausführungen angeboten (von Dannhorn). Und 1919
wirbt Märklin für seinen eigenen Musikkreisel - Choralkreisel. Was mag Peter
Bolz motiviert haben, derartige Phantasien zu spinnen? Irgendwie scheint in der
Geschichtsschreibung bei Bolz etwas durcheinander geraten zu sein - der
legendäre seriöse Ruf des Kreisel-Herstellers Lorenz Bolz jedenfalls steht auf
tönernen Füßen. Alles Lüge? ... oder was? (jmcie) Jürgen und MarianneCieslik 2019
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